Bibliothek 2007
Bibliotheksentwicklung in Deutschland:
Das Projekt »Bibliothek 2007«
Laufzeit: 2002 – 2005
Projektpartner: Bertelsmann Stiftung und BID
www.bibliothek2007.de
Ausgangspunkt
Bibliotheken sichern das Grundrecht auf freien Informationszugang. Durch die Vermittlung von hochwertiger Information leisten sie einen Beitrag zu Bildung und Forschung, zu politischer Teilhabe, zur Bewältigung des Alltags und zur sinnvollen Freizeitgestaltung. Sie ermöglichen lebenslanges Lernen und garantieren breiten Bevölkerungsgruppen den individuellen Zugang zu Wissen. Aufgrund der fragmentierten Trägerschaften der Bibliotheken in Kommunen, Ländern und wissenschaftlichen Institutionen gibt es in Deutschland jedoch keine vorausschauende bundesweite, in die Bildungspolitik integrierte Bibliothekspolitik und -planung. Geringe Innovationskraft, mangelnde Kooperation sowie die unbefriedigende Nutzung von Ressourcen sind die Folgen. Durch die angespannte Finanzlage vieler Trägerinstitutionen wird dies noch verschärft. Auf Grund dieser Situation sind Bibliotheken oftmals nicht in der Lage, für ihre Kunden ein Optimum an Leistung zur Verfügung zu stellen.
Als Lösungsbeitrag hat die Bertelsmann Stiftung von 2002 bis 2005 gemeinsam mit dem Dachverband aller Bibliotheksverbände „Bibliothek und Information Deutschland“ (BID) das Projekt „Bibliothek 2007“ durchgeführt. Mit diesem Projekt wurden erstmals alle Verbände und Akteure der deutschen Bibliothekslandschaft in einen gemeinsamen Strategieprozess eingebunden. Basierend auf einer qualitativen Befragung, einer Ist-Analyse des deutschen Bibliothekssystems, einer Best-Practice-Recherche in fünf führenden Bibliotheksländern und den Empfehlungen einer spartenübergreifenden Expertengruppe wurde ein Strategiekonzept zur Neuausrichtung des deutschen Bibliothekssystems entwickelt, welches nach der Veröffentlichung mit einer Vielzahl von politischen Entscheidern, Ministeriumsvertretern sowie Fachleuten aus Bibliotheken und Verbänden diskutiert wurde.
Strategiekonzept
Im »Bibliothek 2007«-Strategiekonzept wollen die Bertelsmann Stiftung und BID zeigen, wie das deutsche Bibliothekswesen effizienter und wettbewerbsfähiger werden kann – als ein tragfähiges und unverzichtbares Glied in der Wertschöpfungskette der Wissensgesellschaft. Im Mittelpunkt der Vorschläge steht dabei das Konzept der BEA BibliotheksEntwicklungsAgentur zur länderübergreifenden Koordination und Unterstützung der Bibliotheken.
Kurzfassung des Strategiekonzepts (PDF 121 KB)Langfassung des Strategiekonzepts (PDF 121 KB)
(Auch in englischer Fassung.)
Hintergrund
Bibliotheken können zur Qualitätssteigerung des deutschen Bildungsystems einen wirksamen Beitrag leisten. Darum sollte es in den aktuellen Debatten um die Zukunftsfähigkeit der Bildung nicht an Perspektiven fehlen, wie Bibliotheken verstärkt in die notwendigen Reformen eingebunden werden können.
Diese Perspektiven soll das 2003 vorgelegte und 2004 in 3. Auflage veröffentlichte Strategiekonzept eröffnen. Erstes Ziel von »Bibliothek 2007« ist der Anstoß einer breiten nationalen Diskussion auf der Ebene von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit über das Leistungspotenzial der Bibliotheken. Die Ergebnisse dieser Diskussion sollen den Aufbau zukunftsfördernder Strukturen in der BEA BibliotheksEntwicklungsAgentur unterstützen und die Finanzierung der notwendigen Ressourcen gewährleisten.
Methode
»Bibliothek 2007« basiert auf einer eingehenden Bestandsaufnahme (Ist-Analyse) der deutschen Bibliothekslandschaft, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft in Bonn entstand, und auf ausgewählten internationalen Beispielen (Best-Practice-Recherche), die von der Unternehmensberatung Booz Allen & Hamilton erarbeitet wurden. Auf dieser Grundlage hat ein Expertenteam des Bibliothekswesens das vorliegende Strategiekonzept entwickelt. Es wurde mit den bibliothekarischen Spitzenverbänden beraten und abgestimmt und liegt in einer Kurz- und einer Langfassung vor. Weitere Materialien finden sich auf der Webseite des Projekts. Die Fachöffentlichkeit wurde kontinuierlich über den Projektverlauf informiert.
Ziele
»Bibliothek 2007« benennt die wichtigsten Optimierungsfaktoren. Ausgangspunkt ist das grundgesetzlich verankerte Recht auf Zugang aller Bürger zu Informationen und Wissensquellen. Die Empfehlungen von »Bibliothek 2007« richten sich an die politischen Entscheidungsträger auf Bundes- und Landesebene, an die Unterhaltsträger von Bibliotheken, an Fördergremien und -institutionen sowie an die Verantwortlichen in den Bibliotheken selbst.
Das Bewusstsein für die Schlüsselfunktion der Bibliotheken in der Bildungslandschaft soll geschärft werden. Ein wesentliches Ziel ist die stärkere Integration der Bibliotheken in das Bildungssystem, zum Beispiel durch Förderung von Institutionen übergreifenden Kooperationen und durch an Bildungszielen ausgerichteter Programmarbeit.
Die Empfehlungen von »Bibliothek 2007« ermöglichen es, mit einem relativ geringen finanziellen Aufwand und in überschaubarer Zeit bildungspolitisch unbestritten notwendige Verbesserungen zu erzielen.
Damit Deutschland als Wissensgesellschaft und Bildungsland international wieder einen Spitzenplatz einnehmen kann, darf das Bibliothekswesen in der Reformdebatte nicht ausgeklammert werden.
Es gibt in Deutschland in der konkreten Umsetzung und durch die bestimmenden Rahmenbedingungen einen deutlichen und dringenden Optimierungsbedarf, der insbesondere begründet ist durch:
- den fehlenden strategischen Einbezug der Bibliotheken in der Reform des Bildungssystems;
- das Fehlen einer gesamtheitlich konzipierten Innovations- und Entwicklungspolitik für das Bibliothekswesen;
- die deutliche Reduzierung der finanziellen Grundlagen zur notwendigen Weiterentwicklung der öffentlichen Bibliotheken.
Best Practice-Untersuchung
Kernelement der ersten Projektphase im Jahr 2003 war die Erarbeitung eines nationalen Strategiekonzeptes, das neben qualitativen Interviews und einer Ist-Analyse des deutschen Bibliothekswesens vor allem auf einer internationalen Best-Practice-Recherche basierte.
Die Aufgabe als Informations-Dienstleister für Bürger und Wissenschaft erfüllen Bibliotheken in Deutschland weitgehend außerhalb der öffentlichen und politischen Wahrnehmung – in den aktuellen Debatten zu notwendigen Bildungsreformen findet ihr möglicher Beitrag zu einer besseren Bildung kaum Erwähnung. In vielen anderen Ländern dagegen sind Bibliotheken fest im Bildungssystem integriert, und ihre Potenziale werden voll entfaltet, z.B. als demokratischer Garant für freien Informationszugang oder als Baustein bei der Integration von Migranten.
Ziel der internationalen Best-Practice-Recherche war es, von Ländern mit einer erfolgreichen nationalen Bibliotheksplanung und -entwicklung zu lernen. Zu diesem Zweck wurden die jeweiligen Erfolgsfaktoren identifiziert und umfassend beschrieben. Darüber hinaus wurde untersucht, welche Maßnahmen zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der Bibliotheken ergriffen werden. Sehr interessante Ansätze und Erfolge nationaler Bibliotheksplanung zeigen Großbritannien, Dänemark, USA, Singapur und Finnland.
Best Practice Recherche (PDF 693 KB)
Als Druckausgabe unter den Titel „Vorbildliche Bibliotheksarbeit in Europa, Singapur und den USA - Internationale Best Practice Recherche.“ Kostenlos erhältlich bei der BID-Geschäftsstelle.
Evaluation
Der im Herbst 2006 erschienene Evaluationsbericht bearbeitet folgende Fragestellungen: Innovationskraft des Projektes, insbesondere mit Bezug auf die Erstellung und die Inhalte des Strategiepapiers; Nachhaltigkeit, insbesondere mit Bezug auf die Weiterführung durch den Projektpartner; Wirksamkeit der Öffentlichkeitsarbeit; Akzeptanz des Projektes bei verschiedenen Interessengruppen; Akzeptanz der Bertelsmann Stiftung als Projektakteur; Mitarbeit der Mitglieder der Steuerungs- und Expertengruppe.
Die Evaluation stützt sich im Sinne einer Selbstevaluation auf die Erkenntnisse der Projektteams sowie auf eine Online-Befragung mit 278 Vertretern aus Bibliotheken und der bibliothekarischen Selbstverwaltung, die im Jahr 2005 durch Infas durchgeführt wurde. Zudem erfolgte eine Befragung der Mitglieder der Steuerungsgruppe des Projekts und der Expertengruppe.
Der Bericht stellt eine differenzierte Bilanz des Projekts auf: sowohl der sparten- und verbandsübergreifende Prozess der Strategiebildung als auch die inhaltlichen Aspekte des Strategiepapiers erfüllen in hohem Maße die Anforderungen an die Innovationskraft des Projekts. Ebenso ist die Nachhaltigkeit durch die Integration des Projekts in die laufende Arbeit der BID gesichert. Hinsichtlich der Öffentlichkeitswirksamkeit und der Realisierung der in dem Strategiepapier vorgeschlagenen Maßnahmen bleiben jedoch auf Grund der generellen Langfristigkeit umfassender Meinungsbildungsprozesse und in diesem speziellen Fall auf Grund der Bundestagswahl 2005 zahlreiche Desiderate, die durch die BID weiter zu bearbeiten sind.
Hinsichtlich des Nutzens für die Arbeit der Bertelsmann Stiftung stellt der Evaluationsbericht das Projekt in den Zusammenhang der langjährigen Projekttätigkeit der Stiftung im Bibliotheksbereich einerseits und der inhaltlichen Neuausrichtung der Bildungsprojekte andererseits.
In den Schlussfolgerungen und Empfehlungen werden Leitlinien der zukünftigen Kommunikation der Projektinhalte vorgeschlagen und die Einordnung in die europäische und internationale Debatte um verbindliche Grundlagen für die Bibliotheksentwicklung empfohlen.
Evaluationsbericht vom 25.10.2006 (PDF 480 KB)